In dieser Ausgabe
🎯 Meine These
📊 Die Fakten
🌍 Makro & Märkte
🧠 Angst, Gier oder Realität?
💡 Wissen das zählt
✍️ Stefan's Take
🎯 Meine These
Was diese Woche passiert ist, fühlt sich an wie die Wahrheit. Was vor drei Monaten passiert ist, fühlt sich an wie Geschichte. Genau das ist das Problem. Recency Bias lässt dich die jüngsten Ereignisse überbewerten und die langfristigen Muster ignorieren. In einem Markt, der innerhalb von sieben Tagen von Hormuz-Panik zu Waffenruhe-Euphorie wechselt, ist dieser Bias nicht nur ein psychologisches Konzept — er ist die Erklärung dafür, warum so viele Investoren immer einen Schritt hinterherhinken.
📊 Die Fakten
[Datenstand: Samstag, 25. April 2026, 08:00 Uhr MES]
BTC bei ~77.500 USD — 39% unter dem ATH von 126.210 USD. Wochenhoch bei 79.400 USD am 22. April, getrieben von Entspannungssignalen zwischen Iran und USA. Von den Tiefs bei ~66.000 USD vor drei Wochen sind das +17%. Die jüngste Erholung fühlt sich wie ein Trendwechsel an. Die Frage ist: Ist sie einer? (CoinMarketCap)
ETH bei ~2.300 USD — mit dem Gesamtmarkt gestiegen, aber die relative Schwäche gegenüber BTC bleibt. BTC-Dominanz bei 58%. (CoinMarketCap)
Fear & Greed Index bei 31 — "Fear". Vor zwei Wochen stand er bei 11, vor einer Woche bei 15, letzte Woche bei 26. Die Richtung stimmt, aber "Fear" ist nicht "Zuversicht". Der Index zeigt: Die Stimmung hängt den Fakten hinterher. Ein klassisches Recency-Bias-Signal. (alternative.me)
Bitcoin ETFs mit der dritten starken Woche in Folge: Netto +824 Mio. USD (20.–24. April). Alle fünf Handelstage positiv — zum ersten Mal seit Januar. In drei Wochen sind insgesamt +2,6 Mrd. USD netto zugeflossen. Wer nur auf die düsteren Abflüsse im März schaut, verpasst, was sich gerade strukturell ändert. (Farside Investors)
Funding Rates seit 50+ Tagen negativ — die längste Serie negativer Perpetual-Funding-Rates seit dem FTX-Kollaps Ende 2022. Das bedeutet: Die Mehrheit der gehebelten Trader wettet gegen Bitcoin, während der Kurs steigt. Historisch endeten solche Phasen in jedem einzelnen Fall mit einer Short-Squeeze-Rally. Der Markt preist die Vergangenheit ein — nicht die Gegenwart. (Glassnode, CoinDesk)
STH-SOPR bei 0,92–0,96 — Short-Term Holder verkaufen ihre Coins mit 4–8% Verlust. Das ist kein Paniksignal, aber ein Zeichen dafür, dass die jüngsten Käufer noch in der Verlustzone sitzen und bei jedem Bounce aussteigen. Sie handeln auf Basis ihrer letzten Erfahrung (Verluste), nicht auf Basis der sich ändernden Marktstruktur. Recency Bias in Echtzeit. (CryptoQuant, Glassnode)
True Market Mean bei 78.100 USD zurückerobert. BTC hat erstmals seit Mitte Januar wieder über dem "wahren Marktdurchschnitt" geschlossen — dem Preis, bei dem die Mehrheit des aktiven Kapitals investiert ist. Der STH Realized Price liegt bei ~80.100 USD, knapp darüber. Historisch markiert das Zurückerobern dieser Linie den Übergang von Bärenmarkt-Struktur zu konstruktivem Terrain. (Glassnode)

🌍 Makro & Märkte
Es war eine Woche der gegenläufigen Signale — und genau das macht Recency Bias so gefährlich.
Am Anfang der Woche dominierte noch die Angst: Iran griff Schiffe in der Strasse von Hormuz an, die USA kapertem einen iranischen Öltanker, Trump befahl, iranische Schnellboote abzuschiessen. Öl schoss wieder über 100 USD. Wer am Montag seine Strategie festlegte, setzte auf Eskalation. Dann kam die Gegenbewegung: Die Waffenruhe zwischen Israel und dem Libanon wurde um drei Wochen verlängert. Erste direkte Gespräche zwischen Israel und dem Libanon in Washington — die ersten seit 1993. Die zweite Verhandlungsrunde zwischen USA und Iran in Islamabad wurde angekündigt. BTC stieg auf ein Wochenhoch von 79.400 USD.
Die US-Wirtschaftsdaten zeichneten ein ähnlich widersprüchliches Bild. Die Retail Sales im März lagen über den Erwartungen (+1,7%), getrieben von höheren Benzinpreisen. Der Arbeitsmarkt blieb stabil. Aber das Consumer Sentiment fiel auf 49,8 — nahe am Rekordtief — und die Inflationserwartungen sprangen auf 4,7%, den höchsten Wert seit langem.
Die Versuchung ist gross, sich an dem festzuhalten, was als letztes passiert ist: der Entspannung, den steigenden ETF-Zuflüssen, dem Bounce. Aber die Waffenruhe läuft aus. Die Verhandlungen sind fragil. Und die Inflationsdaten zeigen, dass der Energieschock noch lange nicht verdaut ist. Wer nur die letzten drei Tage sieht, verpasst das grössere Bild.
🧠 Angst, Gier oder Realität?
Recency Bias — der Bias, der die jüngste Erfahrung zur ganzen Wahrheit macht
In Woche 5 haben wir die Sunk Cost Fallacy behandelt — den Bias, der dich an vergangenen Investitionen festhalten lässt. Recency Bias ist gewissermassen das Spiegelbild: Statt an der gesamten Vergangenheit festzuhalten, überschätzt du nur die jüngste Vergangenheit und ignorierst alles, was davor war.
Was ist Recency Bias? Recency Bias beschreibt die Tendenz, den letzten Datenpunkten unverhältnismässig viel Gewicht zu geben. In der Psychologie ist das gut dokumentiert: Wenn du eine Liste von zehn Wörtern hörst, erinnerst du dich am besten an die letzten zwei oder drei. Im Investing funktioniert es genauso — nur mit Kursbewegungen statt Wörtern.
Am Kryptomarkt bedeutet das konkret: Wenn BTC drei Wochen lang fällt, fühlt sich "Bärenmarkt" an wie eine Tatsache. Wenn BTC eine Woche lang steigt, fühlt sich "Trendwende" an wie Realität. Beides kann falsch sein. Die jüngste Kursbewegung sagt dir, was gerade passiert ist. Sie sagt dir nicht, was als nächstes passiert. Aber dein Gehirn behandelt sie so, als wäre sie eine Prognose.
Drei Muster, die sich gerade im Markt zeigen:
1. Der Stimmungswechsel, der den Daten vorausläuft. Vor drei Wochen: Fear & Greed bei 11, Extreme Fear, "wir sind im Bärenmarkt". Diese Woche: Fear & Greed bei 31, BTC bei 77.500 USD, +17% von den Tiefs. Plötzlich liest du Überschriften wie "Short Squeeze möglich" und "Bitcoin Ziel 125K in 60 Tagen". Die Fakten haben sich verändert. Aber die Geschwindigkeit, mit der sich die Narrative drehen, hat nichts mit Analyse zu tun. Sie hat mit Recency Bias zu tun. Was zuletzt passiert ist, definiert die Geschichte, die sich Menschen erzählen.
2. Die Funding Rates erzählen die Gegengeschichte. Perpetual-Funding-Rates sind seit über 50 Tagen negativ. Das bedeutet: Die Mehrheit der gehebelten Trader wettet seit fast zwei Monaten darauf, dass BTC fällt. Sie haben diese Wetten nicht aufgelöst, obwohl der Kurs von 66K auf 77K gestiegen ist. Warum? Weil ihre jüngste Erfahrung — sechs rote Monate, Hormuz-Krise, gescheiterte Verhandlungen — ihnen sagt, dass jeder Bounce eine Falle ist. Sie handeln nicht auf Basis der heutigen Daten. Sie handeln auf Basis der Daten von vor vier Wochen.
3. Short-Term Holder steigen beim ersten Bounce aus. Der STH-SOPR bei 0,92–0,96 zeigt: Wer in den letzten fünf Monaten gekauft hat, verkauft bei der erstbesten Gelegenheit — mit 4–8% Verlust. Nicht weil die Fundamentaldaten schlecht sind, sondern weil ihre jüngste Erfahrung Schmerz war. "Ich warte nur darauf, dass es wieder runtergeht." Das ist kein Plan. Das ist Recency Bias, getarnt als Vorsicht.
Das Gefährliche an Recency Bias: Er tarnt sich als Aufmerksamkeit. "Ich schaue auf das, was gerade passiert" klingt nach einer soliden Strategie. Aber "gerade" ist ein dehnbarer Begriff. Wenn "gerade" die letzte Woche meint statt der letzten sechs Monate oder des letzten Zyklus, triffst du Entscheidungen auf einer viel zu kleinen Datenbasis. Der Markt hat kein Gedächtnis. Aber er hat Muster. Und diese Muster erkennst du nur, wenn du weiter zurückschaust als bis letzten Montag.
💡 Wissen das zählt
Der Zoom-Out-Test: Drei Zeitrahmen, eine Entscheidung
Gegen FOMO gibt es die 48h-Regel. Gegen Confirmation Bias den Gegenteil-Test. Gegen Loss Aversion die "Würde-ich-heute-kaufen"-Regel. Gegen Anchoring das Prinzip "Entscheide vom heutigen Stand". Gegen Sunk Cost den "Vergiss was war"-Test. Für Recency Bias brauchen wir ein Werkzeug, das den Blickwinkel erzwingt: den Zoom-Out-Test.
So funktioniert er: Bevor du eine Entscheidung triffst, beantworte dieselbe Frage in drei Zeitrahmen.
Was sagen die Daten der letzten Woche?
BTC ist 17% gestiegen, ETF-Zuflüsse sind stark, Stimmung dreht.Was sagen die Daten der letzten drei Monate?
Sechs rote Monate, -39% vom ATH, Fear & Greed erst seit Tagen über 25, Iran-Krise ungelöst.Was sagen die Daten des gesamten Zyklus?
Post-Halving-Phase, Exchange Reserves auf 7-Jahres-Tief, Whale-Akkumulation auf Rekordniveau, MVRV in historischer Akkumulationszone.
Alle drei Zeitrahmen liefern unterschiedliche Antworten. Der Wochenblick sagt: Kaufen. Der Quartalsblick sagt: Vorsicht. Der Zyklusblick sagt: Akkumulieren. Erst wenn du alle drei nebeneinander legst, triffst du eine informierte Entscheidung statt einer reaktiven.
Die Regel dazu: Wenn deine Entscheidung nur mit einem der drei Zeitrahmen begründbar ist, ist sie wahrscheinlich von Recency Bias getrieben. Gute Entscheidungen halten mindestens zwei von drei Zeitrahmen stand. Kombiniere das mit dem Entscheidungstagebuch: Schreib nicht nur auf, was du entscheidest und warum, sondern auch welchen Zeitrahmen du benutzt hast. Wenn du merkst, dass du immer nur den Wochenblick verwendest, hast du den Bias entdeckt.
Sechs Biases, sechs Werkzeuge. Zusammen bilden sie ein System, das nicht auf Gefühl basiert, sondern auf Struktur. Das ist der ganze Punkt dieser Serie: Nicht besser fühlen. Besser entscheiden. Impulse kosten Geld. Systeme sparen es.
✍️ Stefan's Take
Diese Woche hat mir Recency Bias eine Lektion erteilt, die ich so schnell nicht vergessen werde.
Als die Meldungen über iranische Angriffe auf Schiffe in der Strasse von Hormuz reinkamen und die USA mit der Kaperung eines iranischen Öltankers reagierten, war für mich die Sache klar: Kein Deal. Eskalation. Öl geht nach oben. Ich ging Long auf Öl.
Das Problem: Ich hatte meine Entscheidung auf die Nachrichten der letzten 48 Stunden gebaut. Angriffe, Blockaden, "shoot and kill" — alles schrie nach Eskalation. Was ich nicht gemacht habe: den Zoom-Out. Hätte ich mir die Entwicklung der vergangenen zwei Monate angesehen — die erste Waffenruhe, die Islamabad-Gespräche, die Hormuz-Öffnung, die Verlängerung der Libanon-Waffenruhe — hätte sich ein anderes Bild ergeben. Die Richtung war nicht Eskalation. Die Richtung war holprige, aber reale Deeskalation. Ein Short auf Öl und ein Long auf BTC wären die besseren Trades gewesen.
Genau das ist Recency Bias. Nicht Dummheit. Nicht fehlende Information. Sondern die falsche Gewichtung: Die letzten zwei Tage haben in meinem Kopf mehr gewogen als die letzten zwei Monate. Und das, obwohl ich seit sechs Wochen jede Woche über genau solche Verzerrungen schreibe.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieser Serie: Wissen schützt nicht automatisch vor dem Fehler. Nur ein System tut das. Und mein System hat diese Woche eine Lücke gezeigt — den Zoom-Out-Test, den ich in "Wissen das zählt" beschreibe, habe ich bei diesem Trade nicht angewendet. Nächstes Mal werde ich es tun. Nicht weil ich disziplinierter bin, sondern weil ich den Fehler jetzt kenne.
Kurz in eigener Sache
Hinter den Kulissen tut sich gerade einiges. Ich baue stefan-thaler.at von Grund auf neu auf — bessere Struktur, bessere Inhalte, ein echtes Zuhause für alles was NO FLUFF ausmacht. Parallel bin ich mit MoodInvestor auf der Zielgeraden Richtung Betastart. Das Herzstück — die Behavioral Analytics, also die Auswertung deiner emotionalen Muster vor Investmententscheidungen — nimmt gerade Form an.
Wenn du zu den Ersten gehören willst, die es testen, halt die Augen offen. Mehr dazu bald.


