In dieser Ausgabe
🎯 Meine These
📊 Die Fakten
🌍 Makro & Märkte
🧠 Angst, Gier oder Realität?
💡 Wissen das zählt
✍️ Stefan's Take
🎯 Meine These
"Ich habe schon so viel reingesteckt — jetzt kann ich nicht mehr aufhören."
Dieser Satz klingt nach Durchhaltevermögen. In Wahrheit ist er ein Gefängnis. Die Sunk Cost Fallacy ist der Bias, der dich dazu bringt, schlechten Entscheidungen gutes Geld hinterherzuwerfen — nicht weil die Zukunft vielversprechend ist, sondern weil die Vergangenheit zu teuer war. Im letzten Monat haben wir FOMO, Confirmation Bias, Loss Aversion und Anchoring behandelt. Heute beginnt die zweite Runde: die Biases, die tiefer sitzen und schwerer zu erkennen sind.
📊 Die Fakten
Datenstand: Samstag, 18. April 2026, 07:00 Uhr MESZ
BTC bei ~77.000 USD — 39% unter dem ATH von 126.210 USD vom 6. Oktober 2025. Deutliche Erholung von den Tiefs bei ~66.000 USD vor zwei Wochen. Der stärkste Wochengewinn seit Monaten. (CoinMarketCap)
ETH bei ~2.400 USD — mit BTC gestiegen, bleibt aber relativ schwach gegenüber Bitcoin. (CoinMarketCap)
Fear & Greed Index bei 26 — "Fear". Erstmals seit Wochen nicht mehr in "Extreme Fear". Vor einer Woche stand der Index noch bei 15, vor zwei Wochen bei 11. Die Angst lässt langsam nach, aber von Zuversicht ist der Markt weit entfernt. (alternative.me)
Bitcoin ETFs mit der bislang stärksten Woche 2026: Netto +997 Mio. USD in fünf Tagen (13.–17. April). Der Freitag allein brachte +664 Mio. — der grösste Einzeltag seit Monaten, getrieben von der Hormuz-Öffnung. Zum Vergleich: Vorwoche +817 Mio., die Woche davor +22 Mio. Die ETFs zeigen, wie schnell institutionelles Kapital auf Narrative reagiert. (Farside Investors)
Short-Term Holder testen den Ausstieg: Als BTC Richtung 76.000 USD stieg, schickten Short-Term Holder rund 60.000 BTC auf Börsen — der grösste Deposit-Spike seit Dezember. Die STH-Zuflüsse erreichten 11.000 BTC pro Stunde, ein klares Zeichen: Viele warten nur darauf, bei Break-Even oder kleinem Gewinn auszusteigen. Sie haben zu lange an ihrer Position festgehalten und nehmen den erstbesten Ausgang. (CryptoQuant, Maartunn)
Strategy kauft weiter — und erhöht das Tempo: 13.927 BTC für ~1 Mrd. USD in einer Woche (6.–12. April), Durchschnittspreis 71.902 USD. Gesamtbestand jetzt: 780.897 BTC. Durchschnittlicher Kaufpreis: 75.577 USD. Bei ~77.000 USD ist Strategy gerade knapp im Plus — zum ersten Mal seit Januar. Saylor hat 14 von 15 Wochen gekauft. Das ist kein Anchoring an vergangenen Preisen. Das ist ein System. (SEC Filing, 13. April 2026)
MVRV-Ratio bei 1,37 — weit unter den Zyklus-Top-Werten von 3,5–4,0, aber über dem Kapitulationsniveau unter 1,0. Der Markt ist nicht überhitzt, nicht kapituliert, sondern in einem Niemandsland dazwischen. Für langfristige Anleger war dieses Niveau historisch eine Zone, in der geduldiges Akkumulieren belohnt wurde. (Glassnode, CryptoQuant)

🌍 Makro & Märkte
Diese Woche hat gezeigt, wie schnell sich Narrative drehen können — und wie gefährlich es ist, an einem alten Narrativ festzuhalten, weil man schon zu viel darauf gewettet hat.
Am Freitag hat der Iran die Straße von Hormuz für die Dauer der Waffenruhe im Libanon wieder für die Handelsschifffahrt geöffnet. Die Ölpreise sind daraufhin drastisch gefallen, Aktienmärkte sind gestiegen, und zum ersten Mal seit Wochen gibt es etwas, das man vorsichtig als Hoffnungssignal bezeichnen kann. Aber der Kontext ist wichtig: Die US-Blockade iranischer Häfen bleibt bestehen, bis ein Friedensabkommen steht. Die Waffenruhe läuft am 21. April aus. Die zweite Verhandlungsrunde in Islamabad steht an. Und der Iran hat klargemacht, dass er die Meerenge sofort wieder schliessen wird, wenn Israel die Waffenruhe im Libanon bricht.
Was hat das mit Sunk Cost zu tun? Viele Investoren haben sich in den letzten Wochen mental auf den Krisenmodus eingestellt. Bärenmarkt-Positionen, defensive Allokation, Cash-Halten "bis die Situation geklärt ist". Diese Positionierung war nachvollziehbar — Fear & Greed stand bei 11, Hormuz war blockiert, Verhandlungen gescheitert. Aber jetzt hat sich die Lage verändert. Die Frage ist: Passen diese Investoren ihre Strategie an die neue Realität an? Oder halten sie an ihrer bisherigen Positionierung fest, weil sie schon "zu viel" in den Krisenmodus investiert haben — emotional, mental und finanziell? Genau das ist die Sunk Cost Fallacy auf Makroebene.
🧠 Angst, Gier oder Realität?
Sunk Cost Fallacy — der Bias, der vergangene Kosten zur Zukunftsentscheidung macht
Letzten Monat haben wir die vier bekanntesten kognitiven Verzerrungen behandelt: FOMO, Confirmation Bias, Loss Aversion und Anchoring. Du handelst falsch, merkst es nicht, korrigierst es nicht und hältst am falschen Referenzpunkt fest. Aber die Kette geht weiter. Denn selbst wenn du all das erkennst — die Sunk Cost Fallacy kann dich trotzdem in einer schlechten Position festhalten. Nicht wegen einer Zahl aus der Vergangenheit wie beim Anchoring, sondern wegen allem, was du bereits investiert hast.
Was ist die Sunk Cost Fallacy? Die Sunk Cost Fallacy beschreibt die Tendenz, an einer Entscheidung festzuhalten, weil man bereits Zeit, Geld oder Energie hineingesteckt hat — obwohl diese Kosten unwiederbringlich verloren sind und für die zukünftige Entscheidung keine Rolle spielen sollten. Der Ökonom Richard Thaler (nein, wir sind leider nicht verwandt), Nobelpreisträger und Namensgeber der Behavioral Economics, hat dieses Phänomen als eine der fundamentalsten Irrationalitäten menschlicher Entscheidungsfindung beschrieben.
Der Unterschied zu Loss Aversion und Anchoring: Loss Aversion sagt: "Ich will keinen Verlust realisieren." Anchoring sagt: "Ich orientiere mich an meinem Einstiegspreis." Die Sunk Cost Fallacy geht einen Schritt weiter. Sie sagt: "Ich habe schon so viel investiert — also muss ich weitermachen, damit sich das alles noch gelohnt hat." Es geht nicht mehr nur um den Preis. Es geht um die gesamte investierte Vergangenheit: die Recherche, die durchwachten Nächte, die Überzeugungsarbeit bei Freunden und Familie, das Selbstbild als kluger Investor.
Drei Muster, die du im Kryptomarkt erkennst:
1. Nachkaufen ohne neue These. Du hast einen Altcoin bei 5 USD gekauft. Er steht bei 1,50 USD. Statt deine Position zu bewerten, kaufst du nach — nicht weil sich die Fundamentaldaten verbessert haben, sondern weil du den Durchschnittspreis senken willst, damit sich dein bisheriges Investment "noch lohnt". Das Nachkaufen fühlt sich an wie Strategie. In Wahrheit ist es der Versuch, eine vergangene Entscheidung nachträglich richtig zu machen.
2. Das Projekt nicht verlassen können. Du bist seit zwei Jahren in einer Community, hast tausende Stunden in Recherche investiert, diskutierst täglich in Telegram-Gruppen, hast das Logo als Profilbild. Der Token ist 90% gefallen. Aber aussteigen? Das würde bedeuten, dass alles umsonst war. Also bleibst du — nicht wegen der Zukunft des Projekts, sondern wegen deiner Vergangenheit darin.
3. Die Krisenstrategie nicht anpassen. Du hast dich vor sechs Wochen für einen defensiven Ansatz entschieden: Cash halten, nicht kaufen, auf Klärung warten. Diese Entscheidung hat dich Geld gekostet — du hast Bounces verpasst, Chancen liegen lassen. Jetzt ändern sich die Vorzeichen, aber du passt deine Strategie nicht an. Nicht weil die Lage identisch ist, sondern weil eine Kursänderung bedeuten würde, dass deine bisherige Vorsicht ein Fehler war.
Warum ist die Sunk Cost Fallacy so schwer zu erkennen? Weil sie sich als Konsequenz tarnt. "Ich habe angefangen, also mache ich fertig" ist in vielen Lebensbereichen eine Tugend. Im Investing ist es ein Fehler, wenn die einzige Begründung für das Weitermachen ist, dass du schon angefangen hast. Die rationale Frage ist nie "Wie viel habe ich schon investiert?" sondern immer "Lohnt sich die nächste Einheit — der nächste Euro, die nächste Stunde — basierend auf dem, was ich heute weiss?"
💡 Wissen das zählt
Der "Vergiss was war"-Test: Entscheidungen ohne Vergangenheit treffen
In NO FLUFF #3 haben wir die "Würde-ich-heute-kaufen"-Regel eingeführt: eine Frage, die den Anker des Einstiegspreises löst. Für die Sunk Cost Fallacy brauchen wir ein verwandtes, aber erweitertes Werkzeug. Denn hier geht es nicht nur um den Preis, sondern um alles, was du bereits investiert hast.
Der Test: Stell dir vor, ein Freund kommt zu dir und beschreibt dir exakt deine Situation — aber es ist seine Position, nicht deine. Er hat den gleichen Coin, zum gleichen Preis, mit den gleichen Fundamentaldaten. Was würdest du ihm raten? Wenn du ihm raten würdest zu verkaufen, aber selbst nicht verkaufst — dann bezahlst du gerade nicht für eine Zukunft, sondern für eine Vergangenheit, die du nicht loslassen kannst.
Ergänze das mit drei konkreten Fragen, die du dir bei jeder Position stellen kannst. Erstens: Wenn ich diese Position nicht hätte und alles, was ich bisher investiert habe, wäre weg — würde ich heute von null beginnen? Zweitens: Kann ich meine Gründe für das Halten in einem Satz formulieren, ohne die Vergangenheit zu erwähnen? Nicht "Ich habe schon so viel reingesteckt", sondern "Ich halte, weil X in der Zukunft passieren wird." Wenn der Satz ohne Vergangenheitsbezug nicht funktioniert, hast du den Bias gefunden. Drittens: Was würde ich mit dem gebundenen Kapital tun, wenn es frei wäre? Wenn die Antwort besser klingt als das, was du gerade hältst — dann ist die Position nicht mehr die beste Verwendung deines Geldes. Egal wie viel du schon hineingesteckt hast.
Zusammen mit dem Anti-FOMO-Framework, dem Gegenteil-Test, der "Würde-ich-heute-kaufen"-Regel und dem Prinzip "Entscheide vom heutigen Stand" wächst dein System weiter. Jede Ausgabe fügt ein Werkzeug hinzu. Nicht weil du mehr Disziplin brauchst, sondern weil jeder Bias seine eigene Gegenmaßnahme erfordert. Impulse kosten Geld. Systeme sparen es.
✍️ Stefan's Take
Diese Woche musste ich erleben, wie die Sunk Cost Fallacy mich fast in die falsche Richtung gezogen hätte — nicht bei einem Coin, sondern bei einem Öl-Trade.
Ich hatte mich Anfang der Woche mit Stop-Limit-Orders auf ein Scheitern der USA-Iran-Verhandlungen vorbereitet. Meine These: Wenn die Gespräche platzen, schiesst der Ölpreis wieder in die Höhe. Die Orders standen, die Analyse war gemacht, die Strategie war klar. Dann kam am Freitag die Nachricht: Der Iran öffnet die Strasse von Hormuz für die Dauer der Waffenruhe zwischen dem Libanon und Israel. Keine Eskalation. Entspannung. Fallende Ölpreise.
In dem Moment hatte ich zwei Optionen. Option eins: An meiner bestehenden Strategie festhalten, weil ich schon Zeit und Denkarbeit reingesteckt hatte. "Ich habe mich darauf vorbereitet — jetzt ziehe ich das durch." Option zwei: Umdisponieren. Die alte Strategie verwerfen und eine neue aufsetzen, die zur neuen Realität passt.
Option eins ist die Sunk Cost Fallacy in Reinform. Option zwei ist das, was ich gemacht habe.
Ich habe meine vorbereiteten Orders gelöscht und stattdessen eine Short-Position auf Öl eröffnet — denn Entspannung im Nahen Osten, auch wenn sie vorläufig ist, drückt die Preise. Gleichzeitig habe ich den Short mit einem Stop Loss abgesichert, falls die Waffenruhe bricht oder nach dem 21. April keine langfristige Lösung kommt. Und direkt über dem Stop Loss habe ich eine Kauforder platziert, die mich automatisch wieder Long bringt, falls der Preis doch dreht. So bin ich in beiden Szenarien positioniert — ohne dafür wach bleiben zu müssen.
Was mir dabei geholfen hat: Ich hatte keine emotionale Bindung an meine alte Strategie. Ja, ich hatte Arbeit reingesteckt. Aber die Arbeit war für ein Szenario, das nicht eingetreten ist. Also war sie erledigt. Nicht verschwendet — erledigt. Der Unterschied zwischen Sunk Cost und einer guten Entscheidung ist genau dieser: Kannst du loslassen, was war, wenn sich die Lage ändert?
Geopolitische Ereignisse erzeugen Volatilität. Volatilität erzeugt Bewegung. Und Bewegung lässt sich systematisch handeln — mit klaren Regeln, definierten Risiken und ohne Emotionen. Genau das versuche ich zu tun.


