In dieser Ausgabe
🎯 Meine These
📊 Die Fakten
🌍 Makro & Märkte
🧠 Angst, Gier oder Realität?
💡 Wissen das zählt
✍️ Stefan's Take
🎯 Meine These
Dein Einstiegspreis ist für den Markt irrelevant. Für dein Gehirn ist er alles.
"Ich verkaufe erst wenn ich wieder bei null bin."
"Wenn er nochmal auf 126K geht, steige ich aus."
"Bei 60K kaufe ich nach — das war doch erst vor kurzem der Support."
Alle drei Sätze klingen vernünftig. Keiner davon ist eine Analyse. Es sind Anker — willkürliche Referenzpunkte, die dein Gehirn als Wahrheit behandelt, obwohl der Markt sich längst weitergedreht hat. Anchoring ist vielleicht der heimtückischste Bias, weil er sich nicht wie ein Fehler anfühlt. Er fühlt sich an wie gesunder Menschenverstand.
📊 Die Fakten
Datenstand: Samstag, 11. April 2026, 07:00 Uhr MESZ
BTC bei ~72.800 USD — 42% unter dem ATH von 126.210 USD vom 6. Oktober 2025. Ein deutlicher Bounce gegenüber den Tiefs der Vorwochen um 66.000-67.000 USD. (CoinMarketCap)
ETH bei ~2.200 USD — leichte Erholung, aber weiterhin im Bärenmarkt-Territorium. (CoinMarketCap)
Fear & Greed Index bei 15 — "Extreme Fear". Trotz des Bounces bleibt die Stimmung am Boden. Die Angst sitzt tiefer als der Kurs vermuten lässt. (alternative.me)

Fear & Greed Index, Quelle: alternative.me
Bitcoin ETFs mit der stärksten Woche seit Monaten: Netto +817 Mio. USD in der Woche vom 6.–10. April. Der Montag allein brachte +471 Mio. Aber das Muster bleibt unberechenbar — am Dienstag folgten sofort -159 Mio. Wer sich am Montag geankert hat, wurde am Dienstag enttäuscht. (Farside Investors)
Short-Term Holder unter Wasser: Ihr durchschnittlicher Kaufpreis liegt bei ~85.800 USD. Bei einem Kurs von ~72.800 USD sitzt diese Gruppe auf einem Buchverlust von rund 15%. Genau diese Zahl — 85.800 USD — ist der Anker, an dem Millionen von Investoren ihre Verkaufsentscheidung festmachen. "Ich verkaufe wenn ich wieder bei 85K bin." Der Markt kennt diese Zahl nicht. (CryptoQuant, Glassnode)
Strategy (ehemals MicroStrategy) hat Anfang April 4.871 BTC für 330 Mio. USD gekauft — zum Durchschnittspreis von 67.718 USD. Das liegt unter ihrem Gesamt-Durchschnitt von 75.644 USD über alle 766.970 BTC. Strategy entscheidet nicht vom Anker aus. Sie entscheiden vom heutigen Preis aus. (SEC Filing, 6. April 2026)
Exchange Reserves auf 9-Jahres-Tief: Nur noch 2,21 Mio. BTC liegen auf zentralen Börsen — 5,88% des zirkulierenden Angebots. Der niedrigste Stand seit 2017. Coins fliessen ab, werden in Cold Storage verlegt. Wer seine Coins von der Börse nimmt, hat sich entschieden — nicht auf Basis eines alten Preises, sondern einer langfristigen These. (CryptoQuant, Spoted Crypto)
🌍 Makro & Märkte
Diese Woche hat etwas gezeigt, das man selten so deutlich sieht: einen Stimmungswechsel ohne Stimmungswechsel. BTC ist von ~67.000 auf ~72.800 USD gestiegen. ETFs haben über 800 Mio. USD netto eingesammelt. Und trotzdem steht der Fear & Greed Index bei 15 — tief in der Extreme Fear.
Wie passt das zusammen? Die Erklärung ist Anchoring auf Makroebene. Der Markt hat sich an die Angst gewöhnt. An 66K als "den Boden". An die Iran-Krise als Dauerzustand. An die Fed bei 3,50–3,75% als gegeben. Diese Referenzpunkte sind so tief verankert, dass selbst eine Woche mit starken ETF-Zuflüssen und einem 9%-Bounce die Stimmung nicht drehen kann.
Das Gegenargument ist real: Powell steht vor seiner letzten Sitzung im Mai und eine Zinssenkung ist nicht in Sicht. Aber die Frage ist nicht, ob diese Fakten stimmen. Die Frage ist, ob du deine Entscheidungen auf dem heutigen Stand dieser Fakten triffst — oder auf dem Stand von vor sechs Wochen, als du zum letzten Mal wirklich hingeschaut hast.
🧠 Angst, Gier oder Realität?
Anchoring — der Bias, den niemand bei sich selbst sieht
Vier Wochen, vier Biases. FOMO hat dich falsch handeln lassen. Confirmation Bias hat verhindert, dass du es merkst. Loss Aversion hat dich davon abgehalten, den Fehler zu korrigieren. Anchoring ist der Grund, warum du bei all dem an der falschen Zahl festhältst.
Was ist Anchoring? Anchoring ist der kognitive Fehler, eine erste Zahl als Referenzpunkt zu verwenden — obwohl diese Zahl für die aktuelle Entscheidung irrelevant ist. In der Finanzpsychologie bedeutet das: Du hast BTC bei 90K gekauft. Jetzt steht er bei 72.800. Dein Gehirn bewertet alles relativ zu 90K. Nicht relativ zu heute. Nicht relativ zu morgen. Relativ zu einer Zahl aus der Vergangenheit.
Das Problem: Der Markt kennt deinen Einstiegspreis nicht. BTC entscheidet sich nicht daran, wo du gekauft hast. Nicht daran, was das ATH war. Nicht daran, was sich für dich "fair" anfühlt. Der Preis reflektiert das kollektive Urteil von Millionen Marktteilnehmern — jeden Tag neu. Dein persönlicher Anker ist für den Markt vollkommen irrelevant. Für deine Entscheidung aber alles.
Anchoring zeigt sich in drei klassischen Sätzen:
"Ich warte bis ich wieder bei null bin." Das ist der Short-Term Holder, der bei 85.800 USD gekauft hat und jetzt bei 72.800 USD auf seinen Einstiegspreis starrt. Er trifft keine Marktentscheidung. Er trifft eine emotionale Entscheidung, getarnt als Strategie.
"Wenn er nochmal auf 126K geht, verkaufe ich." Das ATH als Anker. Aber warum genau 126K? Weil es die höchste Zahl war, die du je gesehen hast. Nicht weil eine Analyse dieses Ziel stützt.
"Bei 60K kaufe ich nach — das war doch erst vor kurzem der Support." Ein Preisniveau aus der Vergangenheit als Einkaufsliste für die Zukunft. Aber der Markt von heute hat andere Fundamentaldaten als der Markt, der 60K als Support etabliert hat.
Was die Daten zeigen: Die On-Chain-Zahlen machen Anchoring sichtbar. Short-Term Holder haben einen durchschnittlichen Kaufpreis von ~85.800 USD. Das ist nicht einfach eine Statistik — es ist der kollektive Anker einer ganzen Investorengruppe. Solange der Kurs unter dieser Marke bleibt, werden Bounces als Gelegenheit zum Ausstieg genutzt statt als Signal für einen Trendwechsel. Der Anker wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Jeder Anstieg Richtung 85K trifft auf Verkaufsdruck von Holdern, die "endlich wieder bei null" sind.
Strategy macht es anders. Ihr Gesamt-Durchschnitt liegt bei 75.644 USD. Sie haben diese Woche bei 67.718 USD gekauft. Nicht weil 67K irgendein magisches Level ist, sondern weil ihre Analyse sagt: Zu diesem Preis ist Bitcoin ein Kauf. Kein Anker. Keine Emotionen. Eine Entscheidung vom heutigen Stand aus.
Das Heimtückische an Anchoring: Es fühlt sich nicht wie ein Bias an. Es fühlt sich an wie Logik. "Ich habe bei 90K gekauft, also verkaufe ich bei 90K" klingt nach einem Plan. In Wahrheit ist es der Verzicht auf eine Analyse. Denn die relevante Frage ist nie "Wo habe ich gekauft?" sondern immer "Was ist der Coin heute wert — und warum?"
💡 Wissen das zählt
Entscheide immer vom heutigen Stand aus: Das Anchoring-Gegengift
In den letzten vier Wochen haben wir ein System aufgebaut. Das Anti-FOMO-Framework gegen impulsives Handeln. Der Gegenteil-Test gegen selektive Wahrnehmung. Die "Würde-ich-heute-kaufen"-Regel gegen das Festhalten an Verlierern. Jetzt kommt der letzte Baustein: das Prinzip, das alle anderen zusammenhält.
Entscheide immer vom heutigen Stand aus. Nie vom Kaufpreis. Nie vom ATH. Nie von dem Preis, bei dem du "eigentlich verkaufen wolltest". Nur von dem, was heute ist.
Konkret bedeutet das drei Dinge.
Lösche deinen Einstiegspreis aus deinem Entscheidungsprozess.
Ja, du kannst ihn kennen. Aber er darf nicht der Grund sein, warum du hältst, verkaufst oder nachkaufst. Die Frage ist immer: Was sagen die Daten heute? Nicht was sagt mein Portfolio-Dashboard über meinen Break-Even.Bewerte jede Position so, als hättest du sie nicht.
Das ist die "Würde-ich-heute-kaufen"-Regel aus NO FLUFF #3, aber jetzt mit dem Verständnis, warum sie funktioniert: Sie löst den Anker. Sie zwingt dich, vom heutigen Preis aus zu denken statt von deinem historischen Einstieg.Hinterfrage jede Zielmarke.
Wenn du sagst "Bei X verkaufe ich" oder "Bei Y kaufe ich nach" — frag dich: Warum genau diese Zahl? Kommt sie aus einer Analyse? Oder ist sie ein Anker — ein ATH, ein Support aus der Vergangenheit, ein runder Betrag, der sich "richtig anfühlt"?
✍️ Stefan's Take
Diese Woche hatte ich die Gelegenheit, Anchoring in Echtzeit zu umgehen — ohne es vorher so zu nennen.
Trump stellte dem Iran ein Ultimatum: Zustimmung zur Waffenruhe bis Mittwoch, 2:00 Uhr nachts unserer Zeit. Für mich war eine Sache klar: Egal wie es ausgeht, der Ölpreis würde sich bewegen. Nach oben, wenn der Iran ablehnt. Nach unten, wenn er zustimmt. Die Richtung war offen. Dass es eine heftige Bewegung geben würde, war so gut wie sicher.
Die Frage war: Wie trade ich ein Ereignis, dessen Ausgang ich nicht kenne — und bei dem ich nicht vorhabe, bis 2 Uhr nachts wach zu bleiben?
Die Lösung war ein Hedge. Kurz bevor ich ins Bett bin, habe ich zwei Positionen auf Öl eröffnet: eine Long-Position, die auf steigende Preise setzt, und gleichzeitig eine Short-Position, die von fallenden Preisen profitiert. Beide habe ich mit einem Stop Loss abgesichert — also einer automatischen Verkaufsorder, die den Verlust begrenzt, falls der Kurs in die falsche Richtung läuft.
Der Trick liegt im Verhältnis: Die Stop-Loss-Abstände waren so gewählt, dass die Gewinne der "richtigen" Position die Verluste der "falschen" deutlich übersteigen. Einfach gesagt: Egal in welche Richtung sich Öl bewegt — solange die Bewegung gross genug ist, gewinne ich mehr als ich auf der anderen Seite verliere.
Am nächsten Morgen habe ich gleich nach dem Aufstehen den Trade gecheckt und die laufenden Buchgewinne abgesichert, indem ich den Stop Loss in den Gewinn gezogen habe. Falls der Kurs danach dreht, wird die Position automatisch mit Gewinn geschlossen statt mit Verlust.
Und hier ist die Verbindung zu Anchoring: Was bei diesem gesamten Setup absolut keine Rolle gespielt hat, war mein Einstiegspreis. Er war irrelevant. Es ging nicht darum, wo ich reingekommen bin, sondern darum, was der Markt als Nächstes tun würde. Kein "Ich warte bis ich wieder bei null bin." Kein "Bei X verkaufe ich." Nur ein System, das auf das Ereignis reagiert — nicht auf eine Zahl in meinem Kopf.
Genau das ist der Unterschied zwischen Anchoring und Analyse. Anchoring fragt: Wo war ich? Analyse fragt: Was passiert jetzt? Und ein gutes System macht die erste Frage überflüssig.
Vier Wochen. Vier Biases. FOMO hat mich fast beim Öl-Trade in Woche 1 erwischt. Confirmation Bias hat mich auf X in eine Blase gezogen. Loss Aversion hat mich davon abgehalten, Fehler einzugestehen. Und Anchoring hätte mich an einer Zahl festhalten lassen, die der Markt nicht kennt. Die Kette bricht nur, wenn du sie erkennst. Und genau dafür ist dieser Newsletter da.


